Ein unterschätztes Problem?
Die Vorderhand des Hundes trägt 60 Prozent des Körpergewichts bei normaler Belastung, um einiges mehr beim Springen und Treppenlaufen. Trotzdem liegt das Hauptaugenmerk beim Leonberger bislang fast ausschließlich im Bereich der Hüftgelenke. Ein fataler Irrtum?
Einige Länder, insbesondere die skandinavischen, röntgen schon lange standardmäßig auch die Ellenbogengelenke im Rahmen der röntgenologischen Zuchtzulassung; hierzulande wird es, bislang auf freiwilliger Basis, auch häufiger.
Was ist nun ED?
Streng genommen ist es ein Überbegriff für verschiedene degenerative Erkrankungen im Bereich des Ellenbogengelenkes von mittelgroßen bis sehr großen Hunden.
Dieses besteht zum einen aus der Gelenkwalze des Oberarmknochens (Humerus) sowie den oberen (distalen) Enden von Elle (Ulna) und Speiche (Radius), die insgesamt drei verschiedene Gelenke bilden.
Elle und Speiche sind durch straffe Bänder nahezu unbeweglich miteinander verbunden; die beiden Unterarmknochen bilden eine Mulde, in der der Oberarm zum Liegen kommt. Muskeln und Bänder fixieren und stellen die Beweglichkeit sicher.
Folgende Grunderkrankungen gibt es
Fragmentierter processus meclialis ulnae (FCP)
Bei dieser Erkrankung kommt es zu Rissen, Brüchen oder Knorpelerkrankungen am inneren Kronenfortsatz (Coronoid) der Ulna. Der innere und der äußere Kronenfortsatz sind die tragenden Strukturen für den Oberarmknochen.
Je nach Ausprägung zeigt sich eine Entlastungshaltung der betroffenen Vordergliedmaße (Außenrotation der Pfoten) und eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Lahmheit oder ein steifes, kurztrittiges Gangbild bei beidseitiger Problematik.
Erkrankungsalter ist meist zwischen sechs und neun Monaten, mitunter auch später. Verdachtsdiagnosen werden mittels gebeugten und gestreckten Röntgenbildern gestellt und mittels CT oder Arthroskopie (Gelenkspiegelung) bestätigt.
Therapie ist bei leichten Problemen die Schonung, Schmerzmittel oder Injektionen von Hyaluronsäure/Bupivacain ins Gelenk; komplett losgelöste Fragmente müssen mittels Gelenkspiegelung oder offener Gelenkoperation entfernt werden. Mit deutlicher Arthrosebildung muss gerechnet werden.
Isolierter processus anconaeus (IPA)
Die IPA ist eine Störung der Verknöcherung der Wachstumsfuge, sie tritt relativ meist beidseitig auf und wird häufig insbesondere beim Deutschen Schäferhund beobachtet. Normalerweise erfolgt das Schließen der Wachstumsfuge bis zu einem Alter von 24 Wochen; erfolgt dies nicht, kommt es zu deutlicher Instabilität und Loslösung des Fragmentes. Betroffene Hunde zeigen einen steifen Gang und eine deutliche Bewegungsunlust.
Die Diagnostik erfolgt sehr sicher mittels einer stark gebeugten seitlichen Aufnahme des Ellenbogens.
Therapie: Bis zu einem Alter von sechs bis sieben Monaten kann versucht werden, durch eine spezielle Operation eine Verlängerung der Elle zu erreichen, wodurch das losgelöste Stück eine Chance hat anzuwachsen; später wird das isoliertere Stück entfernt, eine deutliche Arthrose wird sich nicht vermeiden lassen.
Osteochondrosis dissecans der medialen Humeruscondyle (OCD)
Bei dieser Erkrankung kommt es zu Durchblutungsstörungen der inneren Seite der Gelenkwalze des Oberarms, wodurch sich Teile des Gelenkknorpels lösen und als Gelenkmaus Schaden im Gelenk anrichten. Diese Erkrankung lässt sich gut auf einer gestreckten Aufnahme erkennen. Betroffene Hunde lahmen, das Gelenk entzündet sich, und die Gelenkknorpel fasern durch die Entzündungsreaktion auf.
Therapie besteht in der arthroskopischen Entfernung des losen Gelenkstücks.
Stufenbildung im Gelenk
Hierbei kommt es zu einer deutlichen Stufenbildung im Bereich von Elle und Speiche, was zu einer starken Inkongruenz und dadurch auch zu einer Fehlbelastung mit starker Arthrosebildung führt. Teilweise ist die Stufenbildung auch wegbereitend für einen FCP oder eine IPA, auch wenn es an sich verschiedene Grunderkrankungen sind.
Mittels Osteotomie (ein Stück des Knochens wird entfernt) der Elle kann versucht werden, die Inkongruenz zu mildern.
Hauptursache für alle diese Grunderkrankungen ist eine erbliche Vorbelastung, jedoch spielen eine übermäßige Energieversorgung und das schnelle Wachstum großer bis sehr großer Hunderassen verbunden mit schneller Gewichtszunahme und übermäßiger Belastung ebenfalls eine Rolle. Traumata (Stürze/Bissverletzungen) können ebenfalls zu Veränderungen des Ellenbogengelenkes führen
ED-Diagnostik
Jede starke, länger andauernde Lahmheit im Bereich der Vordergliedmaßen sollte insbesondere beim Junghund rechtzeitig radiologisch abgeklärt werden!
Zusätzlich ist für die Einteilung der ED neben den Grunderkrankungen auch die Ausbildung sonstiger arthrotischer Befunde relevant.
Zur Beurteilung der ED sind Röntgenbilder in gebeugter (45, 90, 135 Grad) und gestreckter (mit 10 Grad Innenrotation) Haltung nötig, alternativ kann auch nur eine seitliche in 90-Grad-Beugung erfolgen.

ED-Grade
ED 0 / -frei: keine Grunderkrankung, keine Arthrosen, Gelenk kongruent und in jeder Hinsicht unauffällig
ED-Grenzfall: geringe Zubildungen am Proc. anconaeus unklarer Ursache, Nachröntgen in sechs Monaten empfohlen
ED 1/leichte ED: knöcherne Zubildungen unter 2 mm an einem oder mehreren Gelenkanschnitten oder eine Zone erhöhter Knochendichte (Sklerose) am unteren Ende des Gelenkausschnittes der Elle hinter dem inneren Kronenfortsatz, Stufenbildung bis zu 2 mm
ED 2/ mittlere ED: Verdacht auf FCP, IPA, OCD; sowie Arthrosen oder Stufen von 2 bis 5 mm
ED 3/ schwere ED: jedes Vorliegen eines FCP, IPA, OCD; sowie Arthrosen und Stufen über 5 mm
Züchterische Bedeutung der ED-Befunde
Befunde von mittlerer und schwerer ED sind bei allen Rassen, bei denen eine ED-Beurteilung Pflicht ist, zuchtausschließende Befunde.
Leichte ED (ED 1) sollte nur mit ED-frei (ED 0) verpaart werden, das Gleiche gilt für den ED-Grenzfall.
Wie auch bei der HD ist eine Untersuchung möglichst des ganzen Wurfes sinnvoll und sollte dringend zur Pflichtuntersuchung werden!
Text: Nathalie Mayer
Dieser Bericht ist erschienen in der LeoZeit Ausgabe 22.03.2021
Anmerkung der Redaktion: Bitte beachten Sie stets die aktuelle Fassung der Zuchtordnung.
