Anatomie, Funktion und Bedeutung
Schilddrüsenprobleme sind eines der vielen aktuellen Themen im Bereich Erziehung und Gesundheit. Viele Probleme werden ihr teils zu Recht, teils zu Unrecht zugeschoben. Der folgende Artikel soll versuchen, etwas Licht ins Dunkel über die Bedeutung dieses kleinen Organs zu bringen.
Zunächst gibt es eine kleine Einführung in die Anatomie und Endokrinologie:
Die Schilddrüse ist eine allen Säugetieren und dem Menschen eigene hormonbildende Drüse, die sich im Bereich des Halses, im Bindegewebe caudal (hinter) dem Kehlkopf an der Luftröhre befindet.
Sie besteht aus zwei sogenannten Schilddrüsenlappen, dem Lobus sinister glandulae thryeoidea, der an der linken Seite der Luftröhre anliegt, dem Lobus dexter glandulae
thyreoidea, der an der Hypothyreose rechten Seite anliegt, sowie dem Isthmus glandulae thyreoidea, der als Verbindungsstück beide Lappen verbindet und die Luftröhre von unten umgreift.
Beim Hund zeigt sich das Verbindungsstück ebenfalls aus Drüsengewebe bestehend, bei anderen Tierarten kann dies auch lediglich aus Bindegewebe sein. Die beiden Lappen sind von glatter, aber derber Struktur, rotbrauner Farbe und gut vom restlichen Gewebe abgrenzbar. In der Regel ist sie nicht von außen palpierbar.
Die Schilddrüse dient der Produktion der Steroidhormone Trijodthyronin (T3), Thyroxin (T4) sowie dem Calcitonin.
Mittels dieser Hormone reguliert sie wichtige Stoffwechselvorgänge in den einzelnen Zellen und somit im gesamten Körper. Durch Oxidationsprozesse und Steuerung des Energieumsatzes regelt sie die Thermoregulation des Körpers. Die Regulation des Wachstums, der Gehirnentwicklung, des Wasser- und Salzhaushaltes und die Funktion der Geschlechtsdrüsen übernimmt sie ebenfalls.
Somit sind Störungen in der Funktion von wesentlicher Bedeutung für den Körper.
Welche Haupterkrankungen gibt es?
- Die Hypothyreose – Schilddrüsenunterfunktion
- Die Hyperthyreose -Schilddrüsenüberfunktion
- Jodmangel – Kropfbildung
Die Hypothyreose
Hunde mittleren bis höheren Alters sind von dieser Erkrankung am häufigsten betroffen. Bei einer Unterfunktion sind die Stoffwechselvorgänge gering bis hochgradig reduziert. Die Hunde sind ruhiger, durch vermehrte Wasser- und Salzanreicherungen erscheint das Gesicht aufgequollen, der Blick wirkt traurig (Myxödem), es kommt zu Gewichtszunahme, Apathie, Verlust der Libido/ Fruchtbarkeit und Fell-/ Hautveränderungen. Letztere zeigen sich in nicht heilenden Wunden, chronischen Otitiden (Ohrentzündungen), schlecht nachwachsendem Haarkleid, dunkel pigmentierten, schuppigen Hautstellen und der Ausbildung eines sogenannten Rattenschwanzes. Die Hunde entwickeln eine deutliche Kälteintoleranz, viele zeigen ein erhöhtes Trinkbedürfnis.
Hündinnen zeigen schwach ausgeprägte Läufigkeiten mit fehlender Ovulation, lange Zwischenläufigkeitsintervalle und ausbleibende Trächtigkeiten.
Bei Rüden kann sich eine Hypothyreose auch lediglich in schlechter Spermaqualität mit daraus resultierender herabgesetzter oder ausbleibender Fruchtbarkeit äußern.
Ist eine Unterfunktion in seltenen Fällen angeboren, kommt es zu deutlich reduziertem Wachstum und allgemein reduzierter körperlicher Entwicklung.
Ursächlich ist meist eine primäre Hypothyreose, bei der die Schilddrüse an sich geschädigt ist. Oft liegt eine autoimmune, lymphozytäre Entzündung (eine Entzündung bestimmter Blutzellen, die vom eigenen Körper verursacht wird) vor, bei der im Laufe der Zeit das Drüsengewebe in funktionsloses Bindegewebe umgebaut wird. Somit können keinerlei Hormone produziert werden, gleichzeitig erfolgt auch keine Reaktion auf äußere Stimulation.
Bei einer sekundären Hypothyreose liegt die Ursache direkt in der Hirnanhangsdrüse, in diesem Fall wird das die Schilddrüse stimulierende Hormon nicht ausgeschüttet, demzufolge erhält die Schilddrüse keine Anregung, mit der Hormonbildung zu starten.
Diagnostik
Wichtigstes Diagnostikum ist eine Blutuntersuchung. Neben einem kompletten Blutbild (Hämatologie und Organprofil) werden die schilddrüsenspezifischen Werte bestimmt. Typische Veränderungen sind eine leichte Blutarmut (Anämie), eine Erhöhung von Cholesterin und der Triglyceride sowie ein erhöhtes Fruktosamin bei normalen Glukosewerten.
Das Gesamt-Thyroxin (T4) ist der am meisten bekannte Wert und bei vielen sogenannten geriatrischen Profilen standardmäßig mit dabei. Die Normwerte bewegen sich je nach Labor in bestimmten Bereichen, Laboklin misst zum Beispiel zwischen 1,0 und 4,0 ng/ml als Normalwert. Größere, schwere Hunde zeigen oft Werte im unteren Referenzbereich, wohingegen kleinere Hunde oft im mittleren/oberen Bereich liegen.
Die Ausschüttung des Thyroxins erfolgt in Abhängigkeit der TSH-Ausschüttung pulsatil, heißt, dass zu verschiedenen Zeitpunkten die Werte unterschiedlich hoch sein können. Das Thyroxin ist zu 99 % an Plasmaproteine gebunden, nur ein Prozent der Hormone zirkuliert als freies T4 (fT4) und freies T3 (fT3) im Blut. T4 und fT4 entstehen direkt in der Schilddrüse, das T3/fT3 entsteht durch einen Dekodierungsprozess in den Zielzellen und spielt in der Diagnostik kaum eine Rolle. Nur die ungebundenen Formen können das TSH beeinflussen.
Ein Wert im Referenzbereich ist recht sicher, eine Unterfunktion auszuschließen, wohingegen ein Wert im unteren Normalbereich oder auch niedriger noch keine Diagnose zulässt! Bei verschiedenen anderen Erkrankungen beeinflussen die Entgleisungen anderer Organwerte den T4-Wert und täuschen so eine Unterfunktion vor. Kontrolliert man nach Genesung den T4-Wert, ist dieser meistens wieder im Normalbereich. Auch bestimmte Medikamente können das T4 absenken. Dieses Krankheitsbild nennt man auch Euthyreot Sick Syndrom.
Neben verschiedenen Erkrankungen haben auch folgende Punkte Einfluss auf das T4/TSH
- Junge Hunde haben in der Regel höhere Werte, bei älteren Hunden über 6 Jahren sind die Werte niedriger.
- Kleine Hunde unter 10 kg weisen höhere Werte auf.
- Windhunde haben generell Werte im unteren Referenzbereich
- Adipositas führt zu falsch hohen T4-Werten, wohingegen Fasten das T4 erniedrigt.
- Während körperlichen Anstrengungen und Trächtigkeiten erfolgt ebenfalls eine Erhöhung.
- Medikamente wie Carprofen (Rimadyl, Schmerzmittel), Aspirin, Glukokortikoide (Kortison), Furosemid (Entwässerung), Phenobarbital (Antiepileptikum) sowie Sulfonamide (Antibiotikum) führen zu erniedrigten T4- und erhöhten TSH-Werten, ohne dass eine Erkrankung vorliegt.
Stellt man jetzt einen niedrig normalen oder erniedrigten Wert fest, müssen weitere Parameter bestimmt werden.
Der wichtigste ist das TSH (Thyroid-Stimulating-Hormon). Dieses Hormon wird in der Hirnanhangsdrüse produziert und regt die Schilddrüse an, T4 zu produzieren und freizusetzen.
Das entstandene T4 hemmt dann die Hirnanhangsdrüse weiteres TSH freizusetzen, da genügend Thyroxin vorhanden ist. Demzufolge hat ein euthyreoter (schilddrüsengesunder Hund) ein kaum messbares TSH. Grenzwert ist 0,5 ng/ml. Produziert die Schilddrüse hingegen zu wenig T4, entfällt die negative Rückkopplung und TSH wird vermehrt produziert und zirkuliert damit vermehrt im Blut. Der Wert ist erhöht.
Zeigt ein Hund typische Symptome einer Unterfunktion, bei (noch) normalen T4-/TSH-Werten, kann es sinnvoll sein einen Test auf Schilddrüsenantikörper zu veranlassen. Oft sind diese eine gewisse Zeit vor Auftreten anderer Blutwertveränderungen nachweisbar. Durch die Antikörper kommt es zur fortschreitenden Zerstörung des Schilddrüsengewebes und dessen Umbau in funktionsloses Bindegewebe.
Überblick der möglichen Befunde:
TSH normal
T4/ft4 normal
Schilddrüsengesund, weitere Tests bei starkem klinischen Verdacht
T4/fT4 erniedrigt
Unterfunktion oder normale Variation od. Medikamenten-Einfluss, ESS weitere Abklärung
TSH erhöht
T4/ft4 normal
frühe, noch nicht sichtbare, subklinische Hypothyreose, Nachkontrolle in 1-3 Monaten, evtl. Antikörperbest.
T4/fT4 erniedrigt
Hypothyreose, Beginn der Medikation, Therapiebeginn mit L-Thyroxin, regelmäßige Kontrollen
Thyreoglobulin-Antikörper (TG-AK)
Antikörper entstehen oft als Folge einer lmyphozytären Schilddrüsenentzündung und zeigen so, dass etwas in der Schilddrüse nicht stimmt. Da sie teilweise auch bei schilddrüsengesunden Hunden nachweisbar sind oder bei massiv erkrankten Hunden in der Endphase nicht mehr nachweisbar sind, sind sie allein nicht geeignet eine Schilddrüsenerkrankung nachzuweisen. Heißt, fehlen die Antikörper, ist eine Hypothyreose nicht auszuschließen, sind sie vorhanden, heißt es nicht zwingend, dass der Hund erkrankt ist. (falsch hohe Werte, z.B. nach Impfungen). Sie dient lediglich der Klärung der Ursache oder zur Erhärtung einer Diagnose bei bereits veränderten weiteren Parametern.
Therapie
Die Therapie ist recht einfach und erfolgt mit der oralen Gabe des fehlenden Thyroxins. (L-Thyroxin, z.B. Forthyron). Die Dosierung beginnt in der Regel mit 2x täglich 10 Mikrogramm pro kg, am besten etwas versetzt zur Fütterung. Nach vier bis sechs Wochen erfolgt die erste Blutkontrolle, vier Stunden nach Gabe der letzten Tablette. Im Laufe der Therapie kann es nötig sein die Dosierung anzupassen, angestrebt werden ein T4 im oberen Referenzbereich sowie ein TSH im Normalbereich.
Meistens zeigt sich ein „Erwachen” innerhalb der ersten Woche, Haut und Fellveränderungen brauchen in der Regel mehrere Wochen, bis sich der Normalzustand wieder einstellt. Zyklusveränderungen und Spermaabweichungen dauern in der Regel mindestens drei Monate, letztere sind nicht zwingend reversibel.
Der Vollständigkeit halber seien noch die beiden anderen Erkrankungen kurz erwähnt.
Hyperthyreose
Dies stellt das Gegenteil zur Unterfunktion dar. Es kommt zu Gewichtsverlust trotz gesteigerter Futteraufnahme, Übererregbarkeit, Erhöhung der Körpertemperatur, Herzarrhythmien (unregelmäßiger Herzschlag/Puls) und Tachykardien (erhöhte Herzfrequenz) sowie zu einem Hervorquellen der Augäpfel (Exophtalmus). Beim Menschen wird diese Erkrankung als Morbus Basedow bezeichnet.
Beim Hund liegt fast immer ein Tumor der Hirnanhangsdrüse vor, der zu einer gesteigerten Freisetzung von TSH und damit Produktion von T4 führt, ohne dass es zu der normalen negativen Rückkopplung kommt. Oft ist die Schilddrüse deutlich vergrößert und von außen fühlbar. Diese Erkrankung ist beim Hund äußert selten.
Meistens sind sie Folge einer Überdosierung von L-Thyroxin im Rahmen der Therapie einer Hypothyreose. Bei Katzen hin-gegen ist dies die häufigste Schilddrüsenerkrankung.
Jodmangel
Wird über die Nahrung zu wenig Jod aufgenommen, kommt es in Kombination mit anderen Faktoren zur Kropfbildung. Dies führt zu Symptomen, die sowohl der Über- als auch Unterfunktion zuzuordnen sind, kann jedoch auch symptomlos verlaufen.
Die Therapie besteht in einer Anpassung der Fütterung, diese Erkrankung ist heute allerdings höchstens bei unausgewogenen selbst zusammengestellten Diäten zu erwarten.
Zusammenfassung
Die Schilddrüse ist ein wichtiges Steuerorgan im Körper des Hundes, mit teils folgenschweren Symptomen bei Veränderungen in ihrer Stoffwechselaktivität. Die Erkrankung ist mitunter nicht einfach zu diagnostizieren, die Therapie ist lebenslang nötig, jedoch einfach und gut verträglich.
Fraglich ist, ob mit betroffenen Hunden gezüchtet werden soll. Bei der autoimmun vermittelten Hypothyreose (T4 niedrig, TSH hoch, AK vorhanden) geht man von einer Erblichkeit aus.
Selbst wenn keine Antikörper nachweisbar sind, sollte ein Zuchteinsatz streng überdacht werden, mittlerweile gibt es in einigen Rassen (insbesondere die Flat Coated Retriever) kaum noch Hunde mit einer gut arbeitenden Schilddrüse. Empfehlenswert ist ein Screening vor dem Zuchteinsatz (Blutbild, Organprofil, T4, ggf. fT4, TSH und bei Bedarf Bestimmung der Antikörper).
Text und Bild: Nathalie Mayer
Dieser Bericht ist erschienen in der LeoZeit Ausgabe 15, März 2019