Leothek

Die Kehlkopflähmung

Die Larynxparalyse, auch Kehlkopflähmung genannt, ist eine Erkrankung der sogenannten »oberen Atemwege«, die bei verschiedenen Tierarten, jedoch gehäuft bei Hunden und Pferden, auftritt.

 

ANATOMISCHE GRUNDLAGEN

Die oberen Atemwege befinden sich zwischen Nase und Lunge, wo die ein- und ausgeatmete Luft zirkuliert. Die sich anschließenden tiefen Atemwege befinden sich in der Lunge und dienen dem Gasaustausch. Der Rachen (Pharynx) wird durch den Zungengrund und den Arcus palatoglossus (Rachenbogen) begrenzt. Über die Choanen (Verbindungsgänge) der Nasenhöhle und der Mundhöhle strömt Luft von der Nasenhöhle in den Rachenraum. Er dient als gemeinsamer Luft- und Speiseweg. Der Kehlkopf (Larynx), trennt weiter caudal (schwanzwärts) dann die Luftröhre (Trachea) von der Speiseröhre (Ösophagus). Er besteht aus mehreren Knorpeln, Muskeln und Faserzügen.

Da der Hund keinerlei Schweißdrüsen besitzt, dient der Rachenbereich zusätzlich zur Temperaturregulation. Bei Anstrengung oder Hitze werden massive Luftmassen umgesetzt (Hecheln), so dass Funktionsstörungen in diesem Bereich nicht nur zur Sauerstoffunterversorgung, sondern ganz explizit auch zur Hyperthermie (Überhitzung) führen.

 

ERKRANKUNGEN

Die Larynxparalyse resultiert meistens aus einer Funktionsstörung des Musculus cricoarythenoideus dorsalis, dem sogenannten Stimmritzenerweiterer, dem eine Neuropathie (Nervenerkrankung) des Nervus laryngeus recurrens zugrunde liegt. Die Stimmritze wird durch die beiden Aryknorpel (Stellknorpel) des Larynx gebildet, an denen die beiden Stimmbänder angeheftet sind. Beim Einatmen wird die Öffnung zum Ösophagus (Speiseröhre) verschlossen, die Aryknorpel gehen nach lateral (seitlich) und ziehen so die Stimmbänder aus dem Luftstrom. Bekommen die Muskeln, die für diese Seitwärtsbewegung verantwortlich sind (Musculi Cricoarythenoideus dorsalis), keine entsprechenden nervalen Reize, weil der Nerv nicht mehr funktioniert, bleiben die Stimmbänder im Luftstrom hängen und führen somit zu einer deutlichen Atemproblematik.

Die eingeatmete Luft drückt gegen einen Widerstand, es gelangt wesentlich weniger sauerstoffreiche Atemluft in die tiefen Atemwege und somit auch weniger Sauerstoff ins Blut. Auch das Ausatmen fällt schwerer. Der betroffene Hund versucht den Sauerstoffmangel durch forcierte (verstärkte) Atmung zu kompensieren und kommt in einen Teufelskreis, der im schlimmsten Fall in akuter hochgradiger Atemnot mit Kollaps und massiver Überhitzung endet. Diese Hunde sind akute Notfälle, welche ohne sofortige Intubation, Beatmung und lntensivüberwachung sterben.

Kehlkopflähmungen entstehen oft langsam und schleichend, beginnend mit etwas lauterer Atmung bei Anstrengung oder warmem Wetter. Unter normaler Belastung oder bei kühlen Temperaturen erscheinen diese Hunde absolut symptomfrei. Zunehmend wird die Atemproblematik jedoch auch in Ruhe ausgeprägter. Auch das Atemgeräusch (Röcheln) wird deutlich lauter. Die Kehlkopflähmung kann einseitig oder beidseitig auftreten, das bedeutet, es kann nur ein Stimmband gelähmt sein oder beide. Bei einseitiger Lähmung sind die Symptome schwächer ausgeprägt.

 

SYMPTOME

Schluckbeschwerden, Husten nach Futter- und/oder Wasseraufnahme, speicheln, tonloses Bellen, zunehmende quietschende Atemgeräusche, abnehmende Belastbarkeit, bis hin zum Kollaps. Als Komplikation kann es durch »Fehlschlucken« zu Aspirationspneumonien (Lungenentzündung durch Einatmen von Futter, Wasser oder Speichel) kommen.

 

URSACHEN

In den meisten Fällen liegt eine Neuropathie vor, das heißt, der versorgende Nerv ist erkrankt. Dadurch kommt es im Verlauf zum Ausfall der meisten den Kehlkopf versorgenden Muskeln.

Im Rahmen einer Polyneuropathie kommt es häufig im weiteren Verlauf der Erkrankung zu weiteren neuronalen Ausfällen wie Verschlucken, Regurgitieren (Hochwürgen) oder zu Ausfällen der peripheren Muskulatur mit Störungen der Motorik (Bewegung).

 

ERWORBENE LARYNXPARALYSE

Eine Kehlkopflähmung kann erworben sein z. B. durch:

  • einen traumatisch bedingten (unfallbedingten) Nervenschaden (z.B. Schlag auf den Hals, starkes Rucken am Halsband)
  • eine immunvermittelte Myopathie (bei Myasthenia Gravis). Das ist eine Autoimmunerkrankung der Muskeln, bei der die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel gestört ist
  • Komplikationen bei einer Staupeerkrankung. Die Staupeviren können das Gehirn infizieren und zu einer Enzephalitis (Gehirnentzündung) führen. Dadurch werden Teile des Gehirns unwiederbringlich geschädigt, die Funktion dieser Hirnteile erlischt. Mögliche Folgen sind Krampfanfälle, Zuckungen einzelner Muskelgruppen sowie auch Lähmungen, unter anderem auch des Nervuslaryngeus recurrens mit nachfolgender Larynxparalyse.
  • eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion).

 

IDIOPATHISCHE LARYNXPARALYSE (KEINE URSACHE ZU FINDEN)

Am häufigsten tritt die Larynxparalyse ohne nachweisbaren Grund auf. Betroffen sind u. a.:

  • vor allem mittelalte bis alte Hunde großer Rassen Labrador Retriever (Verdacht einer fam. Ursache)
  • Bouvier des Flandres (Autosomal-dominante Vererbung, Beginn mit 4 bis 6 Monaten mit unterschiedlich schwerem Verlauf im 1. Lebensjahr)
  • Rottweiler, bereits als Welpe, beginnend ab ca. 2 ½ Monaten
  • Dalmatiner ab 4 – 9 Monaten

 

Beim Leonberger ist wie bei den anderen Rassen ebenfalls eine familiäre Häufung zu beobachten.

 

DIAGNOSTIK
  • Endoskopie (Spiegelung) des Kehlkopfes zum Ausschluss vorliegender Tumorerkrankungen, die ebenfalls den Luftweg verschließen können
  • Endoskopie des Kehlkopfes zur Beurteilung der Funktionsfähigkeit

 

Mittels einer speziellen Narkose wird mit einer kleinen Kamera die Bewegung der Aryknorpel untersucht. Bei einer Kehlkopflähmung sind keine Bewegungen der Stimmbänder während der Atmung sichtbar.

 

 
THERAPIE

Eine Operation ist möglich und sollte, wenn planbar, auf die kühlere Jahreszeit gelegt werden. In Notfallsituationen ist oft nur eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt), bei der ein vorübergehendes Tracheostoma (Plastikkappe, die in den Luftröhrenschnitt eingebaut wird, damit sich die Öffnung nicht verschließt) eingesetzt wird, lebensrettend. Die Operation sollte zwei Tage später, wenn der Patient stabilisiert ist, durchgeführt werden.

Die Operationsmethode ist als »Tie-Back« bekannt. Dabei wird ein Stimmband »lateralisiert«, das heißt mittels einer »Fadenprothese« seitlich am Aryknorpel befestigt. Dadurch wird der Luftweg wieder freier und die Atemsituation deutlich verbessert.

Sind beide Stimmbänder gelähmt, wird dennoch nur eine Seite operiert. Da die normale Funktion des Kehlkopfes auch dafür sorgt, dass beim Abschlucken des Nahrungsbreis die Trachea verschlossen wird, ist die Gefahr einer Aspirationspneumonie bei beidseitiger Operation unverhältnismäßig groß. Operierte Hunde werden in der Regel 2 – 3 Tage stationär überwacht, unter Kontrolle angefüttert (Futterbällchen, ca. tischtennisballgroß, von unten angereicht), um ein Verschlucken zu verhindern. Auch später sind kontrollierte Fütterungen extrem wichtig.

In der Regel heilt die Operationswunde gut ab, und die Hunde haben deutlich mehr Lebensqualität gewonnen.

 

Text & Fotos: Nathalie Mayer

Dieser Bericht ist erschienen in der LeoZeit Ausgabe 6, März 2016